50 ist das neue 30!

rentnerpärchenWeltbevölkerungstag. Nach Vorausberechnung der UN wird sich der Anteil der über 65-Jährigen an der Weltbevölkerung bis 2050 mehr als verdoppeln. Besonders in den Industrienationen werden die Menschen immer älter. Diese Entwicklung birgt neue Herausforderungen (nicht nur) für Industrie und Marketing.

Seniorenmarketing. Morgen ist der Weltbevölkerungstag und laut dem aktuellen Bericht der Bevölkerungs­abteilung der Vereinten Nationen (UN 2012 Revision of the World Population Prospects) lebten 2012 erstmals mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Erde. Bis 2050 sollen weitere zwei Milliarden hinzukommen.

Das künftige Weltbevölkerungswachstum findet jedoch fast ausschließlich in den Entwicklungsländern statt. Die Bevölkerung in den Industrieländern wird im gleichen Zeitraum weiter schrumpfen. Durch die gestiegene Lebenserwartung und niedrigere Geburtenraten verringert sich gleichzeitig der Anteil jüngerer Menschen an der Gesamtbevölkerung.

Nach Vorausberechnung der UN wird der Anteil der über 65-Jährigen an der Weltbevölkerung bis 2050 auf 15,6 % steigen und sich damit gegenüber 2010 (7,7 %) mehr als verdoppeln (http://esa.un.org/wpp/). In absoluten Zahlen werden zur Mitte des Jahrhunderts voraussichtlich weltweit rund 1,5 Milliarden Menschen über 65 Jahre alt sein. 2010 waren es noch rund 0,5 Milliarden Menschen.

Diese Entwicklung hat insbesondere für Industriestandorte wie Deutschland weitreichende Auswirkungen. Schon in fünfzehn Jahren werden laut Hochrechnungen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) die 50- bis 65-jährigen mit fast 20 Millionen Menschen die stärkste Bevölkerungsgruppe in Deutschland stellen.

Das Marketing hat bereits auf diese Entwicklungen reagiert und beschäftigt sich intensiver als bisher mit Zielgruppen jenseits der 14- bis 49-jährigen (Seniorenmarketing). Und auch die Industrie hat diese wachsende Zielgruppe für sich entdeckt und passt Produktentwicklung und Kommunikation den sich ändernden Anforderungen an. Dabei wird mit Begriffen wie „Best Agers“ oder „Generation 50+“ versucht, ältere Menschen als eine einheitliche Zielgruppe zu erfassen.

Ein Riesenirrtum, schreibt der amerikanische Marketingguru Seth Godin*. 50 ist heute wie 30! Die heutigen Fünfzigjährigen lassen sich in ihrer Lebenseinstellung und ihrem Konsumverhalten oft kaum von Dreißigjährigen unterscheiden. Sie sind heute aktiver denn je und sehen sich selbst nicht als „alt“ oder „älter“. Im Gegenteil, viele von ihnen starten in eine zweite Karriere, machen sich selbständig oder nutzen ihre zuvor erworbenen finanziellen Möglichkeiten zur Verwirklichung langgehegter Träume.

Ältere Menschen sind keine homogene Zielgruppe. Ähnlich, wie im Jugendmarketing haben sich durch Alter, Erfahrungen und eigene Lebensanschauungen eigenständige „Szenen“ gebildet. Das bedeutet: Einzelne Teilgruppen der Generation 50+ haben ein unterschiedliches Kauf- und Konsumverhalten ausgeprägt.

Man versucht daher verschiedene Typologien von älteren Menschen zu unterscheiden. Die zunächst einfachste und auch sinnvolle Unterteilung ist die nach unterschiedlichen Lebensphasen. Hier unterscheidet man die sogenannten „Vor-Senioren“ (45 bis 50+), die „jungen Senioren“ (60+) und die „älteren Senioren“ (70+).

Neben einer Alterseinteilung ist eine weitere Unterscheidung der Senioren nach ihren Lebensansprüchen sinnvoll. Das TNS Emnid Institut (www.tns-emnid.com) unterscheidet nach einer eigenen Umfrage drei Gruppen: die „eher passiven Älteren“, die „kulturell Aktiven“ und die „erlebnisorientiert Aktiven“. Eine zusätzliche Unterscheidung nach Geschlecht, Bildung und Haushalts-Netto-Einkommen innerhalb dieser Gruppen vervollständigt das Bild.

Fazit: Ältere Menschen sind nicht nur kaufkräftige, sondern auch anspruchsvolle Kunden. Eine Unterscheidung nach Alter und Typologien ist deshalb sinnvoll, denn durch ihre langjährige Konsumerfahrung geprägt, setzten sie höhere Erwartungen an Qualität, Beratung und Service. Diese Erkenntnisse aufzunehmen und von ihnen zu profitieren, ist in Zukunft eine der spannendsten Herausforderung für das Marketing und eine große Chance für Handel und Industrie.

P.S. Mit 45 Jahren gehöre ich übrigens zur Zielgruppe der „Vor-Senioren“ 😉

Link zur PM: Weltbevölkerung: Anteil der über 65-Jährigen verdoppelt sich bis 2050 auf 15,6 % http://bit.ly/16qlHcw

 

* Seth Godin, Small Is the New Big: and 193 Other Riffs, Rants, and Remarkable Business Ideas, Portfolio 2006

Das erste wirklich soziale Netzwerk?

Seniorenmarketing. Seit Oktober 2012 ist „seniorbook.de“ online. Das nach eigenen Angaben „erste wirklich soziale Netzwerk“ möchte ein „positives, aktives Altersbild“ fördern und die Menschen in der “besten Zeit des Lebens” begleiten. Dabei sollen den Betreibern zufolge nicht nur neue Kontakte geknüpft werden, sondern auch das Teilen von Lebenserfahrung und Wissen gepflegt und der regionale Austausch und bürgerschaftliches Engagement gefördert werden. Die Zielgruppe sind online-affine Frauen und Männer der Generation 45+ und eigenen Angaben zufolge ist seniorbook.de besser auf die Interessen und Bedürfnisse dieser Altersgruppe abgestimmt, als andere soziale Netzwerke.

Die Betreiber möchten mit seniorbook.de eine „bestehende Lücke“ im Internet schließen, da auch für immer mehr ältere Menschen das Internet zu einer wichtigen Kommunikations- und Informationsplattform wird. Im ersten Jahr streben die Betreiber 250.000 registrierte Nutzer an und sehen langfristig ein Potential von bis zu fünf Millionen Teilnehmern.

Nach einer repräsentativen Umfrage des Branchenverbandes BITKOM im September 2012 waren 41 Prozent aller Senioren, die über einen Internetanschluss verfügten, in sozialen Netzwerken aktiv. Dabei haben sie die Wahl zwischen unterschiedlichsten Angeboten. Doch braucht jede Generation tatsächlich ihr eigenes soziales Netzwerk? Haben und Netzwerke wie StudiVz nicht gezeigt, dass sich selbst vermeintlich homogene Zielgruppen nur schwer in einem Netzwerk bündeln lassen? Und isoliert ein separates Netzwerk nicht von anderen Altersgruppen und Gesellschaftsschichten?

Warum also ein weiteres soziales Netzwerk. Welchen Sinn macht eine in sich geschlossen Community für ältere Menschen? Die Nutzung von Facebook oder anderen generationübergreifenden sozialen Netzwerken, wie „wer-kennt-wen“ macht auch für ältere Menschen durchaus Sinn, denn so bleiben sie in Kontakt mit anderen Menschen und können sich generationenübergreifend austauschen. Die sogenannten „Seniorennetzwerke“ werben jedoch gerade damit, dass man „unter sich“ sein. Sehen wir uns also den „Newcomer“ seniorbook.de einmal etwas genauer an.

Laut Betreiber ist die Internetpräsenz übersichtlich gestaltet und soll sehr einfach und intuitiv zu bedienen sein. Die nach dieser Ankündigung von mir erwartete „seniorengerechte“ Bedieneroberfläche, die einer älteren Generation entgegenkommt  (größere Schrift, vereinfachte Nutzerführung etc.) sucht man vergebens. Die Optik ist tatsächlich übersichtlich und benutzerfreundlich, und erinnert zumindest mich an eines der bekannten Dating-Portale. Laut Betreiber wurde bei der Entwicklung jedoch strikt auf die Wünsche und Bedürfnisse der Zielgruppe geachtet. Von Design, Farbgebung und Benutzerführung, bis hin zur Konzeption der Inhalte und Funktionen, alles wurde auf Grundlage der Ergebnisse von Marktforschungen entwickelt und wird durch weitere Usability Tests regelmäßig optimiert.

Neben dem eigentlichen Netzwerk bietet seniorbook.de unter der Bezeichnung „Themenwelt“ einen Bereich mit Artikeln, Rezepten und Geschichten der Nutzer. Im „Lokalteil“ werden Wissenswertes und Neuigkeiten aus der Region der Nutzer bereitgestellt, während unter dem Begriff „Bürgerhilfe“ öffentliche Aufrufe, Initiativen und Projekte vorgestellt werden. Auch Firmen und Vereine haben die Möglichkeit, sich mit eigenen Seiten innerhalb des sozialen Netzwerks zu präsentieren und die Nutzer haben die Möglichkeit, ehrenamtliche Projekte sowie Firmen und Vereine vorzustellen. Hinter der „Pinnwand“ verbergen sich ein „schwarzes Brett“ für Texte und eine „Fotowand“ für Bilder der Nutzer. Alles in allem erinnert mich seniorbook.de mehr an „wer-kennt-wen“, als an den großen Konkurrenten Facebook und das ist sicher auch so gewollt.

Besonders beim Thema Datenschutz möchte seniorbook.de noch punkten und so das Vertrauen seiner Nutzer gewinnen. Die Betreiber versichern den Nutzern, dass sämtliche Daten ihr persönliches Eigentum bleiben und nicht gespeichert oder kommerziell genutzt werden.

Doch das ist alles nicht neu. Und es gibt auch bereits Netzwerke für Senioren, in denen sie chatten können, gemeinsame Interessen gepflegt oder gemeinsame Unternehmungen geplant werden können. Das Netzwerk seniorentreff.de existiert bereits seit 15 Jahren und verfügt über Chatrooms, Blogs, Videos und Kleinanzeigen. Seniorenblume.de bietet Foren, Chats, Blogs und einen Veranstaltungskalender. Nutzer können zudem nach Mitgliedern und Gruppen suchen. Die Werbeaussagen auf der Startseite von seniorbook.de sind ebenfalls austauschbar und enthalten keine wesentlichen Unterschiede zu denen anderer sozialer Netzwerke. Wo liegt also der Anreiz für die Nutzer?

Nun, seniorbook.de bietet für ältere Menschen vor allem eine Möglichkeit, sich dem Themenfeld der sozialen Medien zu nähern. Denn die Senioren von heute sind nicht mit Facebook und Co. älter geworden und so bleiben in der Regel nur drei Optionen: 1.) Man negiert das Ganze und überlässt es der Jugend. 2.) Man beschäftigt sich aktiv damit, um dann selbst auf einem der großen sozialen Netzwerke aktiv zu werden. 3.) Man setzt auf spezielle Seniorenlösungen, wie seniorbook.de.

Doch ist ein so spezialisiertes Netzwerk wie seniorbook.de die richtige Lösung für die Zukunft? Rein statistisch gesehen werden wir in der Tat immer älter. Entscheidend (auch für das Marketing) ist jedoch heute nicht mehr das tatsächliche Alter, sondern vielmehr das gefühlte, bzw. das gelebte Alter. Damit stellt sich natürlich die Frage, machen Seniorenmarketing und spezielle Seniorenmarken und -produkte denn dann überhaupt noch Sinn?

Diese Frage ist erst einmal klar mit „ja“ zu beantworten. Auch wenn man in Bezug auf die Benennung von Produkten Bezeichnungen wie „Senioren“ oder „Best Ager“ möglichst vermeiden sollte, denn nicht jeder Mensch über 45 Jahre möchte als „Silver Surfer“ bezeichnet werden. Doch es ist nun mal auch eine Tatsache, dass wir mit zunehmenden Alter andere Bedürfnisse entwickeln und besonders unser Sehvermögen und unsere Motorik nachlassen.

Diesen Anforderungen müssen sich erfolgreiche (Senioren-)Produkte von morgen stellen. Ein gutes Beispiel ist hier der Markt der sogenannten „Seniorenhandys“. Die Senioren von morgen nutzen heute Smartphones und werden auch in Zukunft entsprechende Ansprüche an ihre mobilen Geräte stellen. Während große Hersteller sich heute offensichtlich noch schwertun, geeignete Geräte für Senioren (da ist es schon wieder) zu entwickeln, haben sich hier spezialisierte Anbieter mit innovativen und auf die Zielgruppe abgestimmten Lösungen bereits einen Marktanteil gesichert.

Hersteller wie Bea-fon, Doro oder der Marktführer Emporia (um nur die größten zu nennen) reagieren auf die Bedürfnisse ihrer Kunden und bieten Geräte an, die Außenstehenden auf den ersten Blick als altmodisch erscheinen, jedoch exakt das bieten, was diese Zielgruppe von einem Handy erwartet. Die heutigen Senioren haben Handys im Brick- oder Klapp-Format genutzt und finden sich so auch mit den in Sachen Bedienkomfort, Leistung und Ablesbarkeit optimierten Geräten der spezialisierten Anbieter hervorragend zurecht.

Die Senioren von morgen werden aber bereits mit Smartphones und sozialen Netzwerken wie Facebook älter, das bedeutet, dass hier eine neue Erwartungshaltung an Produkte und Dienstleistungen entsteht. Die Anbieter der sogenannten Seniorenhandys optimieren ihre Produkte deshalb regelmäßig. Ob die Senioren von morgen jedoch ein Angebot wie seniorbook.de zusätzlich oder alternativ zu den bekannten sozialen Netzwerken nutzen werden, bleibt abzuwarten. Und ob sich die Menschen zwischen 45 und 65 in Zukunft von Namen wie seniorentreff.de, seniorenblume.de oder seniorbook.de angesprochen fühlen, bleibt ebenso fraglich.