Das erste wirklich soziale Netzwerk?

Seniorenmarketing. Seit Oktober 2012 ist „seniorbook.de“ online. Das nach eigenen Angaben „erste wirklich soziale Netzwerk“ möchte ein „positives, aktives Altersbild“ fördern und die Menschen in der “besten Zeit des Lebens” begleiten. Dabei sollen den Betreibern zufolge nicht nur neue Kontakte geknüpft werden, sondern auch das Teilen von Lebenserfahrung und Wissen gepflegt und der regionale Austausch und bürgerschaftliches Engagement gefördert werden. Die Zielgruppe sind online-affine Frauen und Männer der Generation 45+ und eigenen Angaben zufolge ist seniorbook.de besser auf die Interessen und Bedürfnisse dieser Altersgruppe abgestimmt, als andere soziale Netzwerke.

Die Betreiber möchten mit seniorbook.de eine „bestehende Lücke“ im Internet schließen, da auch für immer mehr ältere Menschen das Internet zu einer wichtigen Kommunikations- und Informationsplattform wird. Im ersten Jahr streben die Betreiber 250.000 registrierte Nutzer an und sehen langfristig ein Potential von bis zu fünf Millionen Teilnehmern.

Nach einer repräsentativen Umfrage des Branchenverbandes BITKOM im September 2012 waren 41 Prozent aller Senioren, die über einen Internetanschluss verfügten, in sozialen Netzwerken aktiv. Dabei haben sie die Wahl zwischen unterschiedlichsten Angeboten. Doch braucht jede Generation tatsächlich ihr eigenes soziales Netzwerk? Haben und Netzwerke wie StudiVz nicht gezeigt, dass sich selbst vermeintlich homogene Zielgruppen nur schwer in einem Netzwerk bündeln lassen? Und isoliert ein separates Netzwerk nicht von anderen Altersgruppen und Gesellschaftsschichten?

Warum also ein weiteres soziales Netzwerk. Welchen Sinn macht eine in sich geschlossen Community für ältere Menschen? Die Nutzung von Facebook oder anderen generationübergreifenden sozialen Netzwerken, wie „wer-kennt-wen“ macht auch für ältere Menschen durchaus Sinn, denn so bleiben sie in Kontakt mit anderen Menschen und können sich generationenübergreifend austauschen. Die sogenannten „Seniorennetzwerke“ werben jedoch gerade damit, dass man „unter sich“ sein. Sehen wir uns also den „Newcomer“ seniorbook.de einmal etwas genauer an.

Laut Betreiber ist die Internetpräsenz übersichtlich gestaltet und soll sehr einfach und intuitiv zu bedienen sein. Die nach dieser Ankündigung von mir erwartete „seniorengerechte“ Bedieneroberfläche, die einer älteren Generation entgegenkommt  (größere Schrift, vereinfachte Nutzerführung etc.) sucht man vergebens. Die Optik ist tatsächlich übersichtlich und benutzerfreundlich, und erinnert zumindest mich an eines der bekannten Dating-Portale. Laut Betreiber wurde bei der Entwicklung jedoch strikt auf die Wünsche und Bedürfnisse der Zielgruppe geachtet. Von Design, Farbgebung und Benutzerführung, bis hin zur Konzeption der Inhalte und Funktionen, alles wurde auf Grundlage der Ergebnisse von Marktforschungen entwickelt und wird durch weitere Usability Tests regelmäßig optimiert.

Neben dem eigentlichen Netzwerk bietet seniorbook.de unter der Bezeichnung „Themenwelt“ einen Bereich mit Artikeln, Rezepten und Geschichten der Nutzer. Im „Lokalteil“ werden Wissenswertes und Neuigkeiten aus der Region der Nutzer bereitgestellt, während unter dem Begriff „Bürgerhilfe“ öffentliche Aufrufe, Initiativen und Projekte vorgestellt werden. Auch Firmen und Vereine haben die Möglichkeit, sich mit eigenen Seiten innerhalb des sozialen Netzwerks zu präsentieren und die Nutzer haben die Möglichkeit, ehrenamtliche Projekte sowie Firmen und Vereine vorzustellen. Hinter der „Pinnwand“ verbergen sich ein „schwarzes Brett“ für Texte und eine „Fotowand“ für Bilder der Nutzer. Alles in allem erinnert mich seniorbook.de mehr an „wer-kennt-wen“, als an den großen Konkurrenten Facebook und das ist sicher auch so gewollt.

Besonders beim Thema Datenschutz möchte seniorbook.de noch punkten und so das Vertrauen seiner Nutzer gewinnen. Die Betreiber versichern den Nutzern, dass sämtliche Daten ihr persönliches Eigentum bleiben und nicht gespeichert oder kommerziell genutzt werden.

Doch das ist alles nicht neu. Und es gibt auch bereits Netzwerke für Senioren, in denen sie chatten können, gemeinsame Interessen gepflegt oder gemeinsame Unternehmungen geplant werden können. Das Netzwerk seniorentreff.de existiert bereits seit 15 Jahren und verfügt über Chatrooms, Blogs, Videos und Kleinanzeigen. Seniorenblume.de bietet Foren, Chats, Blogs und einen Veranstaltungskalender. Nutzer können zudem nach Mitgliedern und Gruppen suchen. Die Werbeaussagen auf der Startseite von seniorbook.de sind ebenfalls austauschbar und enthalten keine wesentlichen Unterschiede zu denen anderer sozialer Netzwerke. Wo liegt also der Anreiz für die Nutzer?

Nun, seniorbook.de bietet für ältere Menschen vor allem eine Möglichkeit, sich dem Themenfeld der sozialen Medien zu nähern. Denn die Senioren von heute sind nicht mit Facebook und Co. älter geworden und so bleiben in der Regel nur drei Optionen: 1.) Man negiert das Ganze und überlässt es der Jugend. 2.) Man beschäftigt sich aktiv damit, um dann selbst auf einem der großen sozialen Netzwerke aktiv zu werden. 3.) Man setzt auf spezielle Seniorenlösungen, wie seniorbook.de.

Doch ist ein so spezialisiertes Netzwerk wie seniorbook.de die richtige Lösung für die Zukunft? Rein statistisch gesehen werden wir in der Tat immer älter. Entscheidend (auch für das Marketing) ist jedoch heute nicht mehr das tatsächliche Alter, sondern vielmehr das gefühlte, bzw. das gelebte Alter. Damit stellt sich natürlich die Frage, machen Seniorenmarketing und spezielle Seniorenmarken und -produkte denn dann überhaupt noch Sinn?

Diese Frage ist erst einmal klar mit „ja“ zu beantworten. Auch wenn man in Bezug auf die Benennung von Produkten Bezeichnungen wie „Senioren“ oder „Best Ager“ möglichst vermeiden sollte, denn nicht jeder Mensch über 45 Jahre möchte als „Silver Surfer“ bezeichnet werden. Doch es ist nun mal auch eine Tatsache, dass wir mit zunehmenden Alter andere Bedürfnisse entwickeln und besonders unser Sehvermögen und unsere Motorik nachlassen.

Diesen Anforderungen müssen sich erfolgreiche (Senioren-)Produkte von morgen stellen. Ein gutes Beispiel ist hier der Markt der sogenannten „Seniorenhandys“. Die Senioren von morgen nutzen heute Smartphones und werden auch in Zukunft entsprechende Ansprüche an ihre mobilen Geräte stellen. Während große Hersteller sich heute offensichtlich noch schwertun, geeignete Geräte für Senioren (da ist es schon wieder) zu entwickeln, haben sich hier spezialisierte Anbieter mit innovativen und auf die Zielgruppe abgestimmten Lösungen bereits einen Marktanteil gesichert.

Hersteller wie Bea-fon, Doro oder der Marktführer Emporia (um nur die größten zu nennen) reagieren auf die Bedürfnisse ihrer Kunden und bieten Geräte an, die Außenstehenden auf den ersten Blick als altmodisch erscheinen, jedoch exakt das bieten, was diese Zielgruppe von einem Handy erwartet. Die heutigen Senioren haben Handys im Brick- oder Klapp-Format genutzt und finden sich so auch mit den in Sachen Bedienkomfort, Leistung und Ablesbarkeit optimierten Geräten der spezialisierten Anbieter hervorragend zurecht.

Die Senioren von morgen werden aber bereits mit Smartphones und sozialen Netzwerken wie Facebook älter, das bedeutet, dass hier eine neue Erwartungshaltung an Produkte und Dienstleistungen entsteht. Die Anbieter der sogenannten Seniorenhandys optimieren ihre Produkte deshalb regelmäßig. Ob die Senioren von morgen jedoch ein Angebot wie seniorbook.de zusätzlich oder alternativ zu den bekannten sozialen Netzwerken nutzen werden, bleibt abzuwarten. Und ob sich die Menschen zwischen 45 und 65 in Zukunft von Namen wie seniorentreff.de, seniorenblume.de oder seniorbook.de angesprochen fühlen, bleibt ebenso fraglich.